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Fachtagung „Prävention von Clankriminalität“

Als Ergänzung der repressiven Strategien zur Bekämpfung des Phänomens startete das Ministerium des Innern des Landes NRW im Jahr 2020 das Projekt „Orientierung, Integration, Perspektive! 360°-Maßnahmen zur Vorbeugung von Clankriminalität“. Auch Sprach- und Integrationsmittler:innen werden beim Zugang zu den Zielgruppen eingesetzt.

Perspektiven aufzeigen

Spannende Diskussionsrunden und interessante Impulsvorträge erwarteten die Besucher:innen der Online-Fachtagung zur Prävention von Clankriminalität, die unter der Schirmherrschaft von NRW Innenminister Herbert Reul am 2. Dezember 2020 stattfand. Ausrichterin war die Kriminalistisch-Kriminologische Forschungsstelle des Landeskriminalamtes Nordrhein-Westfalen, deren Leiterin Dr. Maike Meyer die Moderation innehatte. Die Begrüßung und Einführung übernahm Innenminister Reul mit einem digitalen Grußwort, was die Relevanz des Themas zusätzlich deutlich unterstrich. Die konsequente Bekämpfung der Clankriminalität setzt auf Repression und auf Prävention. Daher startete das Ministerium des Inneren des Landes NRW 2020 das Projekt „Orientierung, Integration, Perspektive! 360° – Maßnahmen zur Vorbeugung von Clankriminalität“. Obwohl die Präventionsarbeit noch in den Anfängen läge, gäbe es immerhin schon 26 Teilnehmende, die sich auf das präventive Angebot eingelassen hätten, betonte Innenminister Reul. Jörg K. Unkrig, Leiter des Referates 424 „Kriminalprävention und Opferschutz, kriminalpräventive Landesprojekte“ im Innenministerium NRW, der auch das neue Projekt verantwortet, betonte, dass es keine Blaupause gäbe, an der man sich orientieren könne. Mit einem Zitat von Kurt Marti brachte er den Mut zu einem innovativen Ansatz auf den Punkt: „Wo kämen wir hin, wenn alle sagten, wo kämen wir hin, und niemand ginge, um einmal zu schauen, wohin man käme, wenn man ginge.“ Es bedürfe eines Rundumblicks, der alle Expert:innen und Perspektiven einschließe, so sein Appell.

Jörg K. Unkrig, Innenministerium NRW

Diskussion auf dem Podium

Die Podiumsdiskussion mit Vertretern aus Wissenschaft und Praxis an den Anfang des Austauschs zu stellen, war ungewöhnlich und beherzt, da hier gleich zu Beginn, die Frage nach der Definition der Zielgruppe angeregt diskutiert wurde. Mit dabei waren Thomas Jungbluth, Leitender Kriminaldirektor im LKA NRW, Dr. Hatem Elliesie vom Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung und der Konfliktforscher Dr. Mitra Moussa Nabo. Praxisnahes Wissen konnten Akin Sat, pädagogische Fachkraft in der Initiative „Kurve kriegen“ sowie die Erzieherin Sahar El-Zein aus dem Bildungswerk der Humanistischen Union NRW, die auch Mitglied im Integrationsrat Essen ist, beisteuern. Die Diskutant:innen bewegten sich unter anderem zwischen Fragen der Zugehörigkeit, Stigmatisierung von Gruppen, Milieuzuordnung sowie Faktoren, die Fremd- und Selbstbilder schaffen und verstärken. Es wurde über Religion als Ressource, Bildungsangebote als Chance und Vorbildfunktionen als Perspektive diskutiert.

Sprach- und Integrationsmittler:innen (SIM) beim Zugang zur Zielgruppe

Konkret um den „Zugang zur Zielgruppe“ ging es in dem zweiten von insgesamt drei Workshops. Dr. Hatem Elliesie näherte sich in seinem Vortrag mit einem wissenschaftlich ethnologischen Feldforschungsblick dem Thema. Varinia Fernanda Morales, Geschäftsführerin der bikup gGmbH, gab einen bewährten praxisnahen Input. Sie stellte die Arbeit der zertifizierten Sprach- und Integrationsmittler:innen (SIM) innerhalb der kriminalpräventiven Landesinitiativen „Kurve kriegen“ und „klarkommen“ und dem Projekt „360° – Integration, Orientierung, Perspektiven“ vor. Wie die Rolle der Sprach- und Integrationsmittler:innen im Zusammenspiel mit polizeilichen Ansprechpartner:innen und pädagogischen Fachkräften funktioniert und wie sie es schaffen, trotz des anfänglichen Misstrauens der Familien gegenüber der Polizei, Vertrauen zu ihnen aufzubauen und für das Präventionsangebot zu gewinnen, schilderte sie nachdrücklich.
In der anschließenden Diskussion betonte Morales, dass nicht die Rede vom Ausstieg aus dem Milieu sein solle, weil der:die Einzelne nicht aus der eigenen Familie „aussteigen“ könne und möchte. Familie sei das Kernelement der eigenen Identität und Zugehörigkeit. Es gehe vielmehr darum, Perspektiven aufzuzeigen, jenseits von kriminellen Karrieren. In diesem Zusammenhang sei es beispielhaft wichtig, dass Arbeitgeber:innen den Bewerber:innen mit einem stigmatisierenden Nachnamen, auch eine Chance gäben. Die Medien sollten zudem dazu beitragen, die Stigmatisierung aufzulösen und auch jede:r Einzelne solle seine:ihre eigenen Vorurteile und Stereotypen hinterfragen. Morales betonte, Clankriminalität sei durch Versäumnisse der Asyl- und Integrationspolitik in Teilen ein selbstfabriziertes Problem in Deutschland und demzufolge auch lösbar. Es müsse klar als „Problem“ benannt werden, um an nachhaltigen Lösungen gemeinsam arbeiten zu können. Dies sei eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Es gelte Verantwortung zu übernehmen und neue Wege zu beschreiten.

Screenshot aus Workshop 2 „Zugang zur Zielgruppe“; Referentin: Varinia Fernanda Morales

 

Grüße aus der Parallelgesellschaft

Wie ein Ausstieg aus der Clankriminalität aussehen kann, ohne dabei die eigene Familie aufzugeben, schilderte Welt-Reporterin Christine Kensche anhand der Geschichte von Khalil O. mitnehmend und menschlich nah. In dem gemeinsam verfassten Buch „Auf der Straße gilt unser Gesetz“ berichtet Khalil O., wie er als Junge nach der Scheidung der Eltern mit dem Vater nach Berlin zieht, weil er dort eine große Familie hat, von der er sich Hilfe bei der Versorgung der Kinder erhofft. Khalil O. erlebt den Zusammenhalt dieser Familie in Krisensituationen und lernt, wie sich schnell viel Geld verdienen lässt. Als Insider erzählt er, was wirklich hinter den Schlagzeilen über arabische Clans steckt und wie er sich nach seiner Abkehr von der Kriminalität den Respekt bei den Älteren durch das Studium und seine Arbeit als Sozialarbeiter erwirbt. Khalil O. ist glücklich, seine kriminelle Karriere beendet zu haben und nun gefährdete Jugendliche dabei zu unterstützen, ihr Leben zu überdenken und neue, gewaltfreie Wege zu finden und auch zu gehen.
Eine kurze Zusammenfassung der drei Workshops „Nutzung von Narrativen arabischsprachiger Familien“, „Zugang zu Zielgruppen“ und „Gruppenbezogene Devianz und Prävention“ beendete die Online-Fachtagung mit dem abschließenden Hinweis, dass rund 15 Institutionen, die in dem Themenfeld aktiv sind, auf dem virtuellen Markt der Möglichkeiten ihre Arbeit präsentierten und diese noch sieben weitere Tage für die geladenen Gäste abrufbar seien.

Dokumentation zur Online-Fachtagung

Unter diesem Link finden Sie die Dokumentation der Online-Fachtagung zur Prävention von „Clankriminalität“ im Rahmen des Projektes „Integration, Orientierung, Perspektiven – 360°-Maßnahmen zur Vorbeugung von Clankriminalität“ des Ministeriums des Innern des Landes Nordrhein-Westfalen, welche die Kriminalistisch-Kriminologische Forschungsstelle (KKF) des Landeskriminalamtes Nordrhein-Westfalen am 2. Dezember 2020 unter Schirmherrschaft von Herrn Minister Reul veranstaltet hat.

 

 

 


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