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„Wir reflektieren gemeinsam“

Interview mit Valentina Maradjieva von agisra e.V., eine Informations- und Beratungsstelle, die sich für die Menschenrechte und Interessen von Migrantinnen und Flüchtlingsfrauen einsetzt. Fatma Sezek, angehende Sprach- und Integrationsmittlerin, hat im Rahmen der Fortbildung zum Sprach- und Integrationsmittler bei bikup, ein Praktikum bei agisra absolviert.

26.01.2012 von Irma Wagner

Interview mit Valentina Maradjieva von agisra e.V., eine Informations- und Beratungsstelle, die sich für die Menschenrechte und Interessen von Migrantinnen und Flüchtlingsfrauen einsetzt.

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Fatma Sezek war im Rahmen ihrer Fortbildung zur Sprach- und Integrationsmittlerin als Praktikantin bei agisra tätig. Wie kam es zu dem Kontakt zwischen bikup und agisra?

Seit etwa einem Jahr habe ich die Koordination der Praktikantinnen bei agisra übernommen. Der Kontakt zu bikup bestand schon davor. Seit ich die Koordinierungsstelle betreue, habe ich schon drei Praktikantinnen von bikup kennengelernt und wir sind mit allen drei sehr zufrieden, weil sie neben ihrem sprachlichen Können auch fachlich sehr gut ausgebildet sind.

Haben Sie denn neben den Praktikanten von bikup auch schon einmal einen ausgebildeten Sprach- und Integrationsmittler für einen Einsatz gebucht?

Wir können uns diese Einsätze leider finanziell nicht leisten. Wir müssen oft auf ehrenamtliche Dolmetscherinnen zurückgreifen. Das sind in der Regel Frauen, die Sozialarbeit/Sozialpädagogik/Pädagogik studiert haben und ein Praktikum bei uns absolviert haben, oder sich ehrenamtlich für uns engagieren.

Können Sie einen Unterschied feststellen zwischen den Sprach- und Integrationsmittlern und anderen Dolmetschern?

Während der Praktikumszeiten konnten wir schon feststellen, dass die Sprach- und Integrationsmittlerinnen neben der rein sprachlichen Ausbildung auch viel Fachwissen aus dem sozialen Bereich haben. Die Kompetenz der Sprach- und Integrationsmittlerinnen betone ich auch immer wieder gegenüber den Ämtern, aber es wird zu wenig Geld dafür bereitgestellt, was ich sehr schade finde. Auch die Reflexion über die jeweilige Kultur ist sehr wichtig. Darüber konnte ich mich mit Fatma sehr gut austauschen. Für die Mitarbeiterinnen von agisra ist es sehr wichtig, dass vor der Begleitung einer Klientin mit der Sprachmittlerin über den jeweiligen Sachverhalt ausführlich gesprochen wird, und auch nach der Begleitung gemeinsam reflektiert wird.

Konnte Fatma innerhalb ihres Praktikums als Sprach- und Integrationsmittlerin für agisra tätig werden?

Ja! Sie hat sehr vielen türkischsprachigen Klientinnen von uns bei der Sprachvermittlung geholfen. Viele dieser Frauen waren aus Bulgarien, haben aber eine türkische Abstammung und einen ähnlichen kulturellen Hintergrund. Neben den dolmetschenden Tätigkeiten hat sich Fatma auch sehr schnell in alle möglichen Bereiche eingearbeitet und sich auch juristisches Fachwissen angeeignet. Ihr Fachwissen und ihre Lebenserfahrung haben ihr ermöglicht, sich bei allen Begleitungen gegenüber Ämtern, Institutionen etc. durchzusetzen. Zum Beispiel wollte man einer Klientin, die sie begleitete, kein Bankkonto eröffnen. Fatma bestand darauf den Geschäftsführer zu sprechen. Ein solcher Einsatz ist zwar für Mitarbeiterinnen von agisra selbstverständlich, wir haben aber großes Verständnis für die Praktikantinnen, die sich dieser Auseinandersetzung nicht stellen möchten. Beim Jobcenter hat sich Fatma bei allen Begleitungen durchgesetzt, da sie ein großes Fachwissen hat.

Waren Sie mit Ihrer Arbeit zufrieden?

Ja, sie hat mich und meine Kolleginnen sehr gut entlastet. Auch ihre Begleitungsberichte waren immer hervorragend. Diese habe ich auch schon bei Gerichtsverfahren als Beweismittel verwenden lassen. Sie war immer sehr flexibel, hat oft schon um 08:00Uhr Klientinnen begleitet, oder kam wegen eines Termins früher als die vereinbarten Anfangszeiten ins Büro. Das ist nicht selbstverständlich für Praktikantinnen. Selbst wenn wir nicht viel zahlen können, werden wir auf Fatma zurückgreifen, wenn wir eine Vermittlerin für türkischsprachige Klientinnen brauchen.

Sie arbeiten mit einem international zusammengesetzten Team gegen die sexuelle und rassistische Ausbeutung von Frauen aus den verschiedensten Ländern. Um diese Frauen optimal unterstützen zu können, muss eine gute Kommunikation sowohl auf sprachlicher Ebene wie auch auf soziokultureller Ebene gewährleistet sein. Was tun Sie, wenn eine Frau zu ihnen kommt, deren Sprache keiner aus Ihrem Team spricht und mit deren Kultur keiner vertraut ist?

Wir sind ein transkulturelles Team. Unser Team bot in 2011 Beratung in Amharisch, Bulgarisch, Deutsch, Englisch, Farsi, Koreanisch, Portugiesisch, Spanisch und Tigrigna an. Ab dem Jahr 2012 beraten wir auch in Polnisch und Spanisch. In weiteren Sprachen wurden die Beratungen mit Hilfe von Dolmetscherinnen durchgeführt.

p3205086agisraa       Team agisra e.V.

Die Frauen, die agisra aufsuchen, sind aufgrund ihrer Erlebnisse oft traumatisiert. Sollten Dolmetscher, die sich um Sprach- und Kulturvermittlung bemühen, auch psychologisch geschult sein, um sich angemessen schützen bzw. verhalten zu können?

Ja, das ist auch das erste, was ich mit den Praktikantinnen bespreche. Es ist uns wichtig, dass sich die Frauen, die uns unterstützen, damit auseinandersetzten, dass die Klientinnen, die wir beraten und begleiten, oft traumatisiert sind. Wir reflektieren das dann auch gemeinsam.

Haben Sie selbst psychologische Unterstützung, um diese Erfahrungen verarbeiten zu können?

Ja, wir haben Supervisionen und auch eine Kollegin, die Psychotherapeutin ist, unterstützt uns. Einige unserer Kollegen haben auch Ausbildungen in der Trauma-Arbeit.

Sind Sie schon einmal an Grenzen gestoßen?

Ja klar. Wir bewegen uns ja in bestimmten Rahmenbedingungen, die wir versuchen politisch zu verändern. Aber wir haben im letzten Jahr ja einen großen politischen Rückschlag erlitten: Das war die Erhöhung der Ehebestandszeit (§31 Aufenthaltsgesetz) im Rahmen des Gesetzespakets „gegen Zwangsheirat“. Dieses Gesetz bedeutet jedoch, dass Frauen nun wieder länger in Abhängigkeit von ihren Ehemännern leben müssen (Erhöhung von zwei auf drei Jahre) und bei einer Trennung damit rechnen müssen, nicht in Deutschland bleiben zu können. Diese Situation kann leicht von den bleibeberechtigten Partnern ausgenutzt werden. Deshalb fordern wir weiter ein eheunabhängiges Aufenthaltsrecht.

Führen Sie dies oder ähnliche Rückschläge zur Resignation?

Nein! Wir machen weiter, selbst wenn es manchmal sehr schwierig ist.


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